Frachtschiff Theodor Storm

 
 

In der Mitte ist tatsächlich ein Delphin!

Der Ex-Vulkan Krakatau

Die Wasserpolizei greift ein

Zollkontrolle an Bord

Frachtschiff Theoder Storm

5.bis 17.September 2006


Morgen früh muss ich das Schiff verlassen. Ich lese nochmals in meinem Marc Aurel:

    

Du hast Dich eingeschifft,

bist durch  das Meer gefahren,

bist im Hafen,

steige nun aus.

 

Ob der gestrenge Marc Aurel schon vor 2000 Jahren gewusst hat, wie schwer mir das fallen würde?

 

Die Ankunft

 

Dienstag 9.00, in Singapore. Der Agent, Herr Klaus, holt mich vom Hotel ab. Ich habe gar nicht realisiert, dass die Docks nur knapp 5 Minuten von Chinatown entfernt liegen. Der Hafen kann nur mit spezieller ID betreten – oder besser befahren -  werden und das ist dann auch das Problem. Die Hafenpolizistin am Tor will mich nicht reinlassen. Ein grosses Palaver beginnt, zwei andere Polizisten tauchen auf, das Palaver geht weiter, und langsam geht uns beiden unser Humor abhanden. Wir werden zu einem anderen Checkpoint gelotst, dort erklärt man sich nicht zuständig, zurück zum Eingangstor – jetzt werden wir ohne Umstände durchgewinkt. Das ganze Theater hat ja nur 30 Minuten gedauert. Der Hafen ist eine ganz andere Welt, kein Glanz und Glamour, hier wird schwer gearbeitet. Herr Klaus fährt mich kurz rum, dann stehen wir vor unserem Schiff. Ein kleiner Matrose trägt mein Gepäck an Bord auf Level A, das ist aber schon ca. 3 Stockwerke über Grundniveau. Ich werde freundlich begrüsst, unter anderem auch vom sanften Hünen Victor, dem Steward, der mich unter seine Fittiche nimmt. Ein bisschen Papierkram im Schiffbüro, dann geht Herr Klaus von Bord. Er hat mir übrigens erzählt, dass das Schiff lange im Hafen liege: fast 24 Stunden. Auf diesen Schiffen wird pausenlos gearbeitet.

 

Victor führt mich in mein Zimmer. Er erklärt mir, dass ich als Lady die Eignersuite bekomme. Männliche Passagiere bekommen die Doctor-Kabine zwei Stockwerke tiefer, ich aber residiere standesgemäss zwischen Kapitän und Chefingenieur auf Deck F, das ist fast 10 Stockwerke hoch im Wohnturm. Ueber uns ist nur noch die Brücke. Ich schaue mich um: grosses Wohnzimmer, geräumiges Schlafzimmer und separates Bad. Schrank für die Kleider, Gestelle, Schubladen für all meinen Kram, Schreibtisch und Sitzgruppe, selbst ein riesenhafter Fernseher steht da, aber den kann ich nur als Spiegel benutzen. Einen Ganzkörperspiegel gibt es natürlich nicht auf einem Schiff für gestandene Männer.

 

Der erste Tag

 

Als erstes packe ich meine Besitztümer aus: was für eine Wohltat alle meine Kleider aufzuhängen und meine Siebensachen in meiner Suite zu drapieren. Ich begebe mich auf meinen ersten schüchternen Ausflug. Da steigt gerade jemand aus dem Lift: "Good morning, I'm the Captain". Ich habe einen bärtigen Seebären erwartet und nicht diesen jugendlichen blonden Heldentenor. Er zeigt mir die Brücke und erlaubt mir, beim Ablegemanöver nachmittags auf der Brücke zu sein. Ich erfahre, dass die höheren Offiziere und Ingenieure Russen oder Ukrainer sind, die Crew jedoch Filipinos. Wenn ich einem dieser kleinen Matrosen begegne, werde ich freundlich, jedoch schüchtern begrüsst. Ich beobachte fasziniert wie das Schiff beladen wird, ich schätze dass die Container im 30-Sekunden-Takt aufgeladen werden: ein Lastwagen fährt in eine Spur, der Kran kommt und greift sich den Container, hievt ihn auf das Schiff und in der Zwischenzeit ist der erste Lastwagen weg und der nächste steht bereit. Vorne und hinten wird gearbeitet und weiter vorne wird schon das nächste Schiff beladen. Tatsächlich merke ich erst bei der Abfahrt, dass das "andere Schiff" immer noch unsere Theodor Storm ist. Ich habe gar nicht realisiert wie lang sie  ist. Das Ganze ist ziemlich gefährlich und ich soll mich nur auf dem Wohnturm bewegen. So klettere ich von einem Deck auf das nächste und fotografiere fleissig. Dann ist Zeit für das Mittagessen, meine erste Mahlzeit an Bord. Victor hat mir bereits erklärt wo ich sitzen werde und so setze ich mich pünktlich auf meinen Platz. Die anderen Offiziere tauchen auf, sagen einen kurzen Gruss, essen schweigend und verschwinden wieder. Einige Plätze bleiben leer, obwohl gedeckt ist. Einige Offiziere schauen nicht mal in meine Richtung. Bin ich vielleicht bei Mönchen von einem Schweigeorden gelandet?

 

Die Abfahrt

 

Wir sind endlich abgefahren, die Abfahrtszeiten wurden immer wieder verschoben, dann hiess es man warte auf den "Pilot", den Lotsen. Dann endlich - es ist schon gegen 22.00 Uhr - fahren wir ab. Wir werden von einem kleinen Schlepper von der Mole gezogen. Der Lotse gibt kurze Anweisungen. Die Stimmung ist gespannt, aber nicht nervös oder hektisch. Ich stelle mich neben der Brücke und lass die Haare im Fahrtwind wehen: ich fühle mich wie Kate Winslet. Dass Leonardo di Caprio kurzzeitig von Bord ist, und das Schiff nicht Titanic heisst, macht mich hoffnungsvoll.

 

Nach etwa eine halben Stunde fährt ein Schnellboot an die Seite, der Lotse wird nach unten begleitet, klettert eine Leiter runter und hüpft mit einem eleganten Sprung auf das Boot. Er hat mir erzählt, dass er selber Kapitän gewesen und dreissig Jahre zur See gefahren sei. Auch die anderen Lotsen sind ehemalige Kapitäne. Die Manöver können mitten in der Nacht stattfinden und sind auch immer sehr verschieden. In Fremantle müssen z.B. wegen starken Winden drei kleine rundliche Schlepper gleichzeitig unser Schiffe an die Mole bugsieren.

 

Die Routine

 

Bald habe ich mich an die Routine gewöhnt: zu Sonnenauf- bzw. Untergang stelle ich mich auf die Brücke und lass mich vom Farben- und Wolkenspiel bezaubern. Ich finde die Fahrt äusserst ruhig und werde erst später erfahren, dass wir uns halt noch in Meerengen befinden. Zu den Mahlzeiten begebe ich mich pünktlich in die Messe. Zum Frühstück Eier in allen Variationen und zweimal am Tag Fleisch, dazu auch reichlich Salat. Später bitte ich Viktor, die Mengen zu reduzieren und evtl. das Fleisch auszulassen. Meinen Tee für zwischendurch kann ich mir selber brauen.

 

Morgens setze ich mich mit meinen Latein-Büchern auf die Brücke, das ist für mich der hellste und auch der wärmste Ort. Wenn es einen Wermutstropfen gibt, dann ist es die kühle Kabine, und natürlich kann ich die Luken nicht öffnen und die warme tropische Luft reinlassen. Ich arbeite mich durch mein Latein und wenn mein Kopf raucht, begebe ich mich auf meinen Morgenspaziergang: das sind immerhin 200 Meter vor und wieder zurück, sowie sieben Etagen rauf und runter. Fleissig begebe ich mich auf Fotosafari und mache Form- und Farbstudien.

 

Nach dem Mittagessen gewähre ich mir eine kleine Siesta, die anfangs etwas ausartete; ich war doch noch recht müde von meinen China-Abenteuern. Langsam fliessen die Stunden dahin, aber ich geniesse die Lange-Weile, bei Dingen und Gedanken verweilen, die Weilen auskosten. Nachmittags schaue ich mir auch öfters mal eine DVD im Fernsehzimmer der Offiziere an. Der Kapitän hat mir seine Sammlung ausgeliehen, darunter ein paar interessante politische Dokumentarfilme, und ich habe ja in China auch noch mal zugeschlagen.

 

Am Anfang der Reise bekomme ich  auch eine Sicherheitsinstruktion vom 3. Offizier, aber sein phantasievolles Englisch lässt mich nur ungefähr erahnen, was er mir tatsächlich erzählt. Ich beschliesse, dass das Schiff in meiner Anwesenheit nicht unterzugehen hat. In der Kabine liegt auch eine längere Liste der ich entnehme, dass ich mich bei Schiffsaufgabe zum 1. Rettungsboot begeben muss und bei allen anderen Kalamitäten (Feuer, Kollision, Auffahrt auf Grund, Verschmutzung, Mann über Bord, Notsteuerung, Auslauf von Chemikalien) bin ich geheissen mich auf der Brücke bereitzuhalten und Anweisungen abzuwarten: "Stand-by in the bridge in orderly manner und wait for further instruction". Ich werde mich im Besonderen um die "orderly manner" bemühen!

 

Etwa am dritten Tag fahren wir von der Meerenge auf das weite Meer und da bekomme ich zum ersten Mal  etwas vom Wellengang mit, er ist zwar sanft aber doch recht hoch. Der zweite Offizier sagt mir, es sei seit drei Monaten nicht so ruhig gewesen. Als ich meine, das sei wegen mir, schaut er mich nur skeptisch an...

 

Nach Fremantle umschiffen wir Cape Leeuwin, und mitten in der Nacht wache ich wegen heftigen Schlägen auf, nur mühsam schlafe ich wieder ein. Nach dem Frühstück ist mir dann definitiv übel und ich lege mich ergeben wieder ins Bett. Tatsächlich verschlafe ich ein paar Stunden, und fühle mich dann wieder gut. Damit ist das Kapitel Seekrankheit für mich erledigt.

 

Beobachtungen

 

Schon am ersten Morgen sehe ich einen Delphin, wie er sich auf unsere Bordwand stürzt, es sieht aus wie ein dramatischer Selbstmordversuch, aber ich vermute doch eher, der kommt einfach für einen kleinen Frühstücksnack vorbei. Am nächsten Morgen, saust vorne am Bug ein kleiner Vogel aus dem Wasser und gleitet kurz über die Wellen. Ich kann die Form gar nicht richtig einordnen, bis mir klar wird, dass der "Vogel" ein fliegender Fisch war!

 

Einige Tage später fahren wir an den Überresten vom explodierten Vulkan Krakatau vorbei und ich bekomme einen Eindruck von der riesenhaften Explosion, die den Vulkan 1883 in diese nun kleinen Inseln zerrissen hat. Dort sind wir auch in der Nähe von Jakarta und im Empfangsbereich für Mobiltelfonie. Die Offiziere versuchen mit ihren Handys ein paar SMS zu erhalten oder zu schicken. Kurz darauf sind wir wieder tagelang von jeglichem Aussenkontakt abgeschnitten.

 

Nach ein paar Stunden  -  schon weit draussen im Ozean - taucht plötzlich ein Vogel neben der Brücke auf und fliegt für längere Zeit parallel zu uns. Das Schiff hat immerhin über 20 Knoten (für Kopfrechner: mal 1,8 km) und ich kann mir nicht vorstellen, wie dieser Vogel das Tempo halten kann, geschweige denn, wie lange er schon unterwegs sein muss.

 

Ansonsten sehe ich Walen bei ihrem Mittagsmahl zu, beobachte etwa 30 - 40 Delphine die mit unglaublicher Geschwindigkeit auf das Schiff zufliegen und oft synchron in Gruppen aus dem Wasser springen. Bei der Ankerung vor Melbourne sehe ich manchmal einen braunen Schatten im Wasser: Seehunde.

 

Manchmal sieht man ein anderes Schiff, auch per Radar sieht man ab zu ein kleines Signal, aber das ist alles weit weg. Anders in der Sunda-Strasse. Dort ist Stossverkehr und als ich mal  frage was für ein kleiner schäbiger Frachter dort unterwegs sei, teilt man mir mit, das seien möglicherweise Piraten. Auf mein ungläubiges Kopfschütteln zeigt mir der Offizier diverse Telex-Warnungen über Angriffe auf Frachter. Allerdings bin ich überrascht zu lesen, dass die Piraten eher die Besitztümer der Mannschaft, als die Fracht im Auge haben.

 

Die Offiziere

 

Mit den einfachen Matrosen habe ich kaum etwas zu tun. Wenn sie mich in den Gängen oder auf dem Oberdeck sehen, werde ich freundlich mit "Hi, Ma’am"  begrüsst aber natürlich müssen sie arbeiten und haben keine Zeit für längere Unterhaltungen.  Die Ingeniere sehe ich praktisch nur beim Essen, darunter sind ein paar äusserst schüchterne Filipinos, die mich freundlichst begrüssen, aber es kommt kaum zu einem Gespräch. Den Chefingenieur habe ich praktisch auf der ganzen Reise nur von hinten gesehen (weil er beim Essen mit dem Rücken zu mir sitzt) und selbst mit dem Kapitän – seinem Tischgenossen  - wird während der Mahlzeiten nicht gesprochen. Einzig der dritte Offizier bemüht sich in Small-talk.  Ein Russe diskutiert frei mit mir, gerne auch über Politik. Er ist ein junger Mann und ich bin von seiner Bildung sehr beeindruckt. Ein anderer Offizier übt in ruhigeren Stunden englische Vokablen, das erklärt wohl, warum er bis jetzt kaum meinen morgendlichen Gruss beantwortet hat.  Als er dann tatsächlich mal ein Wort zu mir sagt, ist es in äusserst gewähltem Englisch. Der Kerl spricht wohl nur, wenn er es perfekt kann!

 

Ich bin von diesen Männern beeindruckt. Offensichtlich nicht redselig, aber wenn es um die Arbeit geht, gibt es durchaus lange und intensive Gespräche, jedoch nie laute oder ungehaltene Worte. Was ich beobachten kann ist äusserst professionell und ruhig. Für diese Arbeit muss man wohl Einzelgänger sein und alle brauchen wohl ein gerüttelt Mass an Abstand auch im "Zivilleben", aber mit jedem Tag wachsen sie mir mehr ans Herz. An Bord gibt es keinen Klatsch und so habe ich in den zwölf Tagen nur von einem Offizier von seiner Familie erfahren und von meinem jungen Elektro-Ingenieur von Bruder, Eltern und (fast) Freundin.

 

Das Schiff

 

Die Manöver fanden fast ausschliesslich nachts statt, das heisst man macht die Arbeit wenn sie anfällt. Vor Melbourne wird uns mitgeteilt, dass wir zuerst ankern müssen, da Stau ist. Zuviel Verkehr. Auch zu diesem Manöver kommt ein Lotse an Bord, diesmal im Sherlock-Holmes-Look. Er ist tatsächlich Engländer und lebt schon viele Jahre in Australien. Der Kapitän erlaubt mir nicht, dass ich zum Vorderdeck gehe um das Ankern aus der Nähe zu beobachten: zu gefährlich. Am nächsten Tag wiederum mehrere Verschiebungen, stoisch wird das ertragen. Nur einmal höre ich den Kapitän am Telefon diskutieren, ob dieses oder jene Zeitfenster eingehalten werden kann. Dieser noch junge Mann trägt eine riesige Verantwortung für das  grosse Schiff und seine Fracht. Mit höchster Präzision gibt er seine Anweisungen. Einmal korrigiert er sogar einen Lotsen, was von diesem dankend kommentiert wird.

 

Unser Schiff heisst Theodor Storm, und fährt eine regelmässige, monatliche Route von Singapur, Fremantle,  Melbourne, Adelaide, Malaysia und wieder zurück nach Singapur. Ausnahmsweise wird sie diesmal von Melbourne einen ausserordentlichen Abstecher nach Tasmanien machen. Wenn ich das gewusst hätte!

 

Alles ist gross und riesenhaft an Bord: Taue, Ankerketten, der Maschinenraum. Dabei herrscht peinliche Sauberkeit. Das Schiff ist stets aufgeräumt und ständig wird irgendwo geputzt. Selbst der Maschinenraum sieht aus wie ein Operationssaal für Riesen. Die Essräume dürfen nicht in Arbeitskleidung betreten werden und frisch geduscht kommen die Männer zum Essen.

 

Das Ende der Fahrt

 

Bei der Einfahrt in den Hafen von Melbourne fahren wir durch einen Kanal und da passiert es doch zweimal, dass das Schiff laut tuten muss: Beinahe-Kollision mit Touristenbooten. Das einzige Mal, wo der Kapitän dann doch den Kopf schüttelt. Das ist auch das einzige Manöver, das ich bei Tageslicht beobachten kann: wir legen an, die Quarantäne kommt an Bord, ein kleines freundliches  Palaver mit der Zollkontrolle. Die Australier sind ja wirklich nicht kompliziert. Da es bereits Abend ist, darf ich nochmals eine Nacht an Bord bleiben. Am nächsten Morgen wird mein Gepäck aufs Gründlichste durchsucht und jetzt könnte ich eigentlich von Bord. Nur ganz so einfach ist das nicht. Zu Fuss darf man sich innerhalb des Hafens nicht bewegen und ich sollte von einem Shuttle-Bus  abgeholt werden. Irgendwie ist man sich menschliche Fracht nicht gewöhnt, die kann auch nicht einfach mit einem Kran weggehievt werden. Nach zwei Tassen Tee klappt es endlich und wehmütig nehme ich Abschied von meinem Schiff und meinen Mannen.

 

(Im Andenken an Alexis: Seemann, Fischer und geliebter Onkel an den ich auf dieser Reise ständig denken musste)

 

 

 

 

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