Indien 7.7.2006 - 30.7.2006
Indien 7.7.2006 - 30.7.2006
11.7. Agra
Direkt vor unserem Hotelfenster zeichnet sich langsam im Sonnenaufgang die Silhouette vom Taj Mahal ab. Es ist kurz nach 5 Uhr morgens, mein Riesenbaby schläft in der feuchten Tropenluft. Ringsum melden sich exotische Vögel mit ihrem Gekrächze und Gekreische, dazwischen auch mal ein lauter Muezzin. Der Himmel ist dick mit Wolken verhangen, seit gestern haben wir Monsoon: eine Erfrischung nach den heissen, stickigen Tagen in Delhi.
Am Freitagabend wurde ich von einer indisch gewandeten Anne-Sophie mit Freund Sumit empfangen. Als "Fast-Schwiegermutter" bin ich durchaus angetan vom ruhigen und besonnenen jungen Mann. Samstag und Sonntag ergaben wir uns der "Shopping-Mania": es wurden Pluderhosen, Oberteile, Schals und Saris bis zum Umfallen gekauft. Tatsächlich ist die indische Kleidung auch einiges komfortabler und kühler als Jeans und T-Shirt. Dazwischen absolviert die Mutter die klassische Besichtigungstour: den Bahai Lotus-Tempel - ein wunderbarer Ort der Ruhe und Einkehr, das spektakuläre Humayan-Grab und den ebenso beeindruckenden Qutb Minar. Die Tochter ging zwischenzeitlich verloren, dank Disco und WM-Final. Man trifft sich wieder beim Savitri Building, wo ich vor fast 30 Jahren ein halbes Jahr gearbeitet habe (hier klicken für ein paar Föteli) und ich kurz meine Vergangenheit besichtige. Wir sind nun auf dem Weg nach Agra, eine mehrstündige Autofahrt im indischen Chaos (das letztendlich so chaotisch nicht ist!), jedoch bestens betreut von unserem Fahrer Ashok.
Spätnachmittags kamen wir in Agra an, unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen betrachteten wir aus etwas Distanz das Taj, der gebuchte Vollmond hatte sich jedoch hinter dicken Monsunwolken verborgen. Trotzdem war Tochter ergriffen und andächtig vor diesem grossartigen Bau. Der Abend wurde mit einem gepflegten Essen in kostbaren Saris beendet. Heute steht nochmals das Taj auf dem Programm - jetzt mit kompetentem Führer (der uns schon gestern im Hotel erwartet hatte) und das Red Fort. Weiterfahrt nach dem ergreifenden Fatehpur Sikri. Morgen tanke ich eine Portion Natur in einem Vogel-Nationalpark: ein Knotenpunkt der Vogelzüge.
Anschliessend erwartet uns Rajasthan. Heiss? Feucht? Farbig? Auf jeden Fall sind wir gespannt. Wir sind beide überglücklich, meistens recht friedlich - trotz Unkenrufen der Daheimgebliebenen! Anne-Sophie hat sich zu einer vernünftigen, verantwortungsvollen jungen Dame entwickelt, sie geniesst die Exotik und hatte durch Sumit natürlich schon einen hautnahen Einblick in das indische Alltagsleben. Die zwei "Schwiegermütter" haben sich zwar nicht getroffen, aber sich am Telefon freundlich begrüsst, auch Anne-Sophie fühlte sich liebevoll aufgenommen. Bis jetzt also der volle Erfolg. Wir können nur hoffen, dass es so weitergeht.
14.7. Jaipur
Es sind ja nur ein paar Tage vergangen, aber unsere Abenteuer gehen weiter. Nach wie vor nur positiv, wenn auch heiss, oft (Monsun-)schlammig oder staubig, aber immer farbig!
Anne-Sophie war ganz hingerissen vom Taj Mahal, ich hatte schon befürchtet, dass meine ausgiebigen Erzählungen bei ihr zu grosse Erwartungen erzeugt hätten. Sie ist übrigens selber zum begehrten Fotosujet mutiert, da sie seit Agra nur noch Saris trägt und das äusserst formvollendet. Immer wieder wird sie von indischen Familien oder Paaren zum Posieren angehalten, zu ungewohnt ist die Europäerin im eleganten Sari. Das war vor 27 Jahren anders, da alle Inderinnen noch das schmeichelnde Tuch trugen und ich auch praktisch nur Saris trug.
Ein Höhepunkt war der Besuch des Keloeda Bird Sanctuary, ein Vogelparadies und eine Oase der Ruhe. Wir sahen ausser einer grossen Anzahl verschiedenster Vögel auch Antilopen, Wasserschildkröten, Streifenhörnchen, Affen und eine Wildschweinfamilie. Auch in den Dörfern und Städten sieht man ständig irgendwelches Getier frei herumlaufen, wobei für uns unklar ist, wo die Tiere einfach verwildert sind oder nur "frei" haben. Wir sehen ständig Hunde, Kühe, Zebu-Rinder und als Zug- und Lasttiere Wasserbüffel, Kamele und Elefanten. Allerdings sind wir bis jetzt erst einer vornehmen Katze in einem Palast begegnet. Scheinbar werden Katzen hier als schlechtes Omen angesehen.
Der indische Alltag ist laut und umständlich, aber wir haben eigentlich nur immer große Freundlichkeit erfahren. Von den Anschlägen haben wir gehört, aber absolut nix mitbekommen. Rührend ist auch die grosse Ritterlichkeit von seiten unseres Fahrers und des Reiseplaners in Delhi. Das wir zwei Nächte im einzigen Zimmer hoch oben auf einem einsamen, alten Fort verbringen wollten, war Grund grösster Unruhe - nicht für uns sondern für unsere Babysitter! Das Zimmer war zwar einfach, aber die Aussicht auf Jaipur einfach unwiederbringlich.
Morgen ist unser nächstes Abenteuer angesagt: Zug fahren in Indien. Zu meinen Zeiten gab es noch separate Damenabteile, das scheint es nicht mehr zu geben. Die Distanz von knapp 300 km kostet ca. 10 Euro in der 1. Klasse. Heute genehmigen wir uns ein Mittelklassehotel mit Pool in einem alten Händlerhaus: für unsere Begriffe aber eher ein weitläufiger Palast mit Innenhöfen, Terrassen und Treppen in alle Richtungen.
So dringen wir weiter nach Rajasthan ein, das Land der Wüste, der Winde und der farbenfrohen Frauen.
16.7. Pushkar
Unsere gestrige Zugfahrt lief wie am Schnürchen: auf die Minute pünktlich, mit gratis Snack, Tee und Mineralwasser. Anne-Sophie hat ja den Rajasthan-Teil der Reise organisiert, ich bestand lediglich auf Lucknow und Calcutta (in der dritten Woche). Deswegen sind wir heute in einem Aussteiger- und Backpackers-Paradies. Ich nenne es auch das hinduistische "Fribourg", sprich dunkelschwarz. Ich versteh darunter zur Schau getragene Frömmigkeit, die aber hauptsächlich auf Geschäfte aus ist. Lassen wir das. Anne-Sophie ist auch etwas enttäuscht, aber das Dörfchen ist wirklich hübsch und bedeutend ordentlicher als die Städte die wir bis jetzt gesehen haben. Zudem haben wir einen Ruhetag eingelegt, dringend notwendig nach den doch überwältigenden Eindrücken der letzten Tage.
Wir haben in Jaipur noch einen Kinobesuch organisiert und erlebten Bollywood im indischen Alltag. Herrlich! Auch fanden wir den gebrochenen Helden ein ganz interessante Figur, abgesehen davon, dass der Film zu 99 % in den Alpen gedreht sein muss (inklusive Schweizer-Reisbesen am Schneemann). Auch technisch überzeugte das dreistündige Epos, obwohl wir natürlich nix verstanden. Unser Chauffeur war aber ganz enttäuscht: dieser berühmte Schauspieler in einer Bösewicht-Rolle! und die Lovestory die sich in einen Action-Thriller verwandelte! und die schöne Ehefrau die am Schluss aus Vaterlandsliebe ihren Mann erschoss! Da verstand er die (Kino)-Welt nicht mehr. Typisch europäisch fanden wir aber diese Tabu-Verletzungen spannend..... Man kann es nie allen recht machen.
Morgen geht es wieder mit dem Taxi zurück nach Ajmer (eigentlich ein berühmtes Muslim-Heiligtum) aber wir nehmen sofort den Zug nach Jodhpur, die sogenannte "blaue Stadt".
Wir haben uns hier ein hübsches Hotel genommen, schwimmen frühmorgens, spätabends und dazwischen auch im kühlen Pool. Erholung pur.
20.7. Udaipur
Anne-Sophie und ich liegen zum Frühstück wie zwei Römerinnen in eine Fensternische. Wir befinden uns im Dachrestaurant unseres Hotels wo wir gestern Abend angekommen sind. Es regnet leicht und wir geniessen eine wunderschöne Aussicht über den See und dass gestern Abend zu unserer Begrüssung das Feuerwerk gestartet wurde, fanden wir doch ausgesprochen aufmerksam.
Wir verliessen Jodhpur gestern Mittag und wie gewohnt fuhr unser Bus überpüntklich ab. Mit jedem zurückgelegten Kilometer wurde das Land fruchtbarer und grüner, und auch die Temperaturen sanken deutlich. Rajahstan ist etwa so gross wie Frankreich und knapp die Hälfte davon ist Wüste. In Jodhpur kamen wir ihr dabei am nächsten. Ich bin nur froh, dass wir Jaisalmer ausgelassen haben, das bereits in der Wüste liegt, allerdings auch einen zauberhaften Ruf hat. In Jodhpur wohnten wir dank Anne-Sophie‘s peniblen Recherchen wiederum sehr malerisch – wenn auch einfach - in einem alten Altstadthaus. Wir bekamen die Maharani-Suite mit wunderschöner Aussicht auf die imposante Burg. In der zweiten Nacht bat ich darum, auf der Terrasse schlafen zu dürfen, man brachte mir eine Matratze, ich begoss mich im Nachtgewand komplett mit Wasser und wurde so vom Wind in den Schlaf gefächelt. Innerhalt einer Stunde ist man wieder trocken, dabei aber schon tief am träumen.
Dann begaben wir uns auf auf unsere siebenstündige Rumpelfahrt – ich nannte es zwischenzeitlich auch Höllenritt – nach Udaipur. Jodhpur hatte schon einen speziellen Charme, hier in Udaipur fühlen wir uns aber endgültig von pariserischem Charme umgeben: es ist tropisch grün, ein malerischer See, vornehme Paläste. Unser Hotel ist zwar nur Mittelklasse, aber den Charme, die Freundlichkeit und die Magie des Ortes können wir gar nicht beschreiben. Unnötig zu sagen, dass Wäsche bis am Abend erledigt wird, dass der Service im Restaurant hervorragend ist und das indische Essen natürlich auch. Ich wurde gefragt, wie das Essen so sei und was wir essen. Es gibt gewisse Orte (z.B. das Hotel nebenan) wo aus religiösen Gründen nur vegetarisch gekocht wird, das alles natürlich immer reichlich gewürzt, aber fantasievoll. Bis jetzt haben wir hauptsächlich Huhn gegessen, da Tochter etwas Mühe mit Lamm bekundet. Nächstens werde ich aber keine Rücksicht darauf nehmen. Dazu gibt es immer indische Brotfladen, von denen es gefüllte und ungefüllte, Vollkorn- oder Weissmehl-Varianten gibt. Heissgeliebt von uns beiden ist das Yoghurt-Getränk Lassi und der schmackhafte Tee, der übrigens bei den Strassenhändlern am besten schmeckt. Natürlich bekommt man bei jeder Einkaufstour auch den Chai (Tee) spendiert.
Natürlich hatten wir beide kleine Anpassungsprobleme am Anfang, waren aber gerüstet. Etwas unangenehmer war ein Schnuppen, den ich mir im klimatisierten Zug zugezogen habe. Allerdings, war der bei fast 40 Grad im Schatten auch schnell wieder ausgeschwitzt…. Ich hatte zwar darum gebeten, dass wir wenn möglich keine klimatisierten Räume benützen müssen, da ich meine diesbezüglichen Probleme kenne, aber das lässt sich nicht immer vermeiden. Und wie gesagt, kaum der Rede wert.
24.7. Udaipur
Anne-Sophie und ich sitzen in einem luftigen Pavillon auf dem Dach des Lake Palace Hotel, in einem anderen blumenüberwachsenen Pavillon intoniert ein Flötenspieler seine uralten Melodien; Anne-Sophie arbeitet am Computer, ich lese. In diesem Bild steckt für mich die ganze Magie und der Zauber dieses Landes: die Schönheit, die Wärme, der Glanz der Vergangenheit, die Modernität und der Humor der Menschen als der Flötenspieler seine Darbietung verschmitzt mit einer orientalischen Version von "Frère Jacques" beendet.
Auch wenn 27 Jahre vergangen sind, so hat sich für mich erstaunlich wenig geändert:vom ersten Moment war ich - und übrigens auch Anne-Sophie -verzaubert. Trotz aller Hässlichkeit und Brutalität kann man das nur schwer erklären. Schlimmes Elend haben wir allerdings nicht gesehen, man muss fairerweise auch sagen, dass Indien zwar viel Armut kennt, aber schon seit Jahrzehnten keine Hungerkatastrophe mehr erlebt hat. Ich masse mir nicht an, in ein paar Tagen Indiens Probleme lösen zu können. Eigentlich finde ich, dass bei dieser Grösse des Landes und der Bevölkerung das Ganze doch ausserordentlich gut funktioniert, sprich verwaltet wird.
Der Verkehr wirkt zwar chaotisch, aber wirklich brutal oder ungehalten sind die Leute nicht miteinander. Immer wieder bin ich erstaunt über die Sanftmut und Toleranz. Ein wirkliches Ärgernis für mich sind nämlich die
rücksichtslosen Touristen, die sich kaum um gewisse Kleidercodes scheren oder die lauthals ihre Kommentare zur indischen Inkompetenz abgeben.
In Delhi fiel mir der fehlende Geruch auf: es riecht nur noch nach Stadt wo man früher Essen, Früchte, Urin und Dung riechen konnte. Das war dann wieder anders auf dem Land. Immer noch fahren dieselben lauten Taxi-Scooter, immer noch in schwarz-gelb. Eine andere Änderung die mir auffällt ist eine deutliche "Indianisierung", d.h. es wird vom Volk weniger und schlechter Englisch gesprochen, als ich das in Erinnerung habe. ist ja auch nicht nur
schlecht.
Nur etwas vermisse ich schmerzlich: früher gab es an jeder Strassenecke einen Stand wo Früchte frisch gepresst wurden und - immer mit einer Prise Salz - serviert wurden. Eine wunderbare Art, den Durst zu löschen, ganz abgesehen, davon, dass man so zu seinen Vitaminen und Mineralstoffen kam. Man kann immer noch viele Fruchtsäfte trinken, aber leider oft aus der Konserve.
Von Udaipur flogen wir nach Delhi, trafen dort kurz die Mutter von Sumit, fraglos früher ein bildschöne Frau, die hart vom Schicksal geprüft wurde: früh verwitwet, alle drei Söhne leben im Ausland und sie lebt mit ihrer 91-jährigen Schwiegermutter in einer Trabantenstadt von Delhi. Auch das ist Indien. Wir nahmen dann den Zug nach Lucknow. Wie immer pünktlich, Sitze reserviert, Computerlisten aufgehängt...... wer spricht da von schweizerischer Effizienz????
In Udaipur unterzog ich mich der Express Entschlackungskur a l'indienne (vulgo: Delhi-Belly) - sehr wirkungsvoll! - und da wir in guten Hotels waren auch nicht wirklich ein ernsthaftes Problem. Im Zug fand dann Anne-Sophie, dass sie auch etwas abnehmen möchte, so wurde mir der Entscheid leicht gemacht hier in Lucknow das beste Hotel am Platz auszusuchen ....... Sie hat fast den ganzen Tag geschlafen, ich nutzte die Ruhe für eine Massage, Pedicure und Poolplanschen. So lässt es sich leben, auch mit leicht verdorbenen Magen! Auf jeden Fall werden wir dabei noch richtig schön.
27.7 .Lucknow -Kolkata
Wir haben Lucknow überlebt! Nicht nur die Engländer wurden dort belagert, sondern wir fühlten uns auch bald so. Es war tatsächlich die einzige Stadt wo wir uns ungebührlich angestarrt, kommentiert und belästigt fühlten. Wir waren zwar vorher überall gewarnt worden, aber wir dachten, das sei der Neid der Besitzlosen.
Ich wurde gar mit einer Flasche Parfum beehrt, nur fand ich es gar nicht toll, diese in meinem Zimmer vorzufinden, anstatt wohlerzogen an der Rezeption. So gab es mehrere Stories, der Vogel abgeschossen hat dann zwar unser Stadtführer: nachdem seine Führung lamentabel, die Ansprüche unverschämt und die Lügen unerträglich wurden, liessen wir ihn einfach stehen und nahmen die nächstbeste Rikscha. Er verfolgte uns noch eine Weile mit dem Tourbus, aber bei mir war endgültig der "Nuggi duss".
Die Stadt hat nur einen riesengrossen Nachteil: ich habe mich hoffnungslos in sie verliebt. Sie ist wunderschön an einem Fluss gelegen, und hat reizende Wohnquartiere, die noch auf die Engländer zurückgehen. Wir besuchten auch die weltberühmte Martinière-School, die vor gut 200 Jahren von einem gewissen Franzosen Martin gebaut wurden, als Privathaus eindeutig ein Beweis für Grössenwahn. Trotzdem würde ich gerne dort ein paar Monate arbeiten..... wer weiss!
Gestern Vormittag machten wir uns dann auf an den Bahnhof, natürlich schon gerüstet für die pünktlichen Züge, aber diesmal mussten/durften wir zuerst einmal zweieinhalb Stunden auf unseren Zug warten. Dabei lernten wir eine katholische Nonne kennen, die uns auch über die unverschämten Männer von Lucknow unterrichtete. Wir konnten nur bestätigen.
Leben am Bahnhof ist ein Mikrokosmos und ich fand es wirklich unterhaltsam. Dann kam unser Zug, wir installierten uns und lernten einen indischen Wissenschaftler kennen, der äusserst interessiert meine detaillierte Landkarte von Indien studierte: er ist Geologe. Später kam eine Familie dazu: Grosseltern mit
vierjährigem Kind. In der Zwischenzeit hatte der Zug wohl an die sechs Stunden Verspätung, das Kind war absolut ruhig und gelassen, wurde einfach schlafen gelegt und wachte ebenso ruhig und friedlich wieder auf. Dabei hatte es kein Spielzeug oder andere Unterhaltung. Total waren wir 25 Stunden auf dem Zug, natürlich wurde viel geschlafen, aber ich war doch einigermassen erstaunt wie ruhig, freundlich und diszipliniert so eine Reise läuft: keine ewiges Handygedudel, kein ungezogenes Benehmen, aber viel Aufeinanderzugehen und natürlich immer viel indische Toleranz.
So kamen wir etwas verspätet in Kolkata an, wir hatten ja nur das sprichwörtliche Chaos im Kopf aber bis jetzt sind wir aber sehr angenehm überrascht. Eine Spezialshow war dann das Taxi ins Hotel, unser Grossvater vom Zug musste das unbedingt für uns organisieren, d.h. aber ausgedehnte Diskussionen, Ablehnung von diesem Chauffeur, dann nehmen wir den anderen, wir zwei stehen nur sprachlos und fasziniert daneben. Dann sitzen wir im Taxi, unser Chauffeur will noch zusätzliche Gäste aufnehmen, da steigen wir wieder aus, der Grossvater ist wieder zu Stelle und endlich fahren wir in halsbrecherischem Stil zum Hotel. Anne-Sophie sagt dazu: diese Stadt ist
Klasse. Werden wir ja noch sehen.
Und noch eine kleines Gschichtli:
Nach Flug Udaipur-Delhi, Einkaufstour Delhi, Zugfahrt Delhi-Lucknow, stellt Mutti fest, dass sie Fotoapparat im Flugzeug vergessen hat. Die Liste wird immer länger: Kofferschlösschen im Hotel Imperial, Fusskettchen und Sonnencreme in der ersten Pension, Sandalen im Auto, Reiseführer von Abishek in Jodhpur und jetzt eben die Kamera im Flugzeug. Mutti schreit Zetermordio: die Kamera werde ich nie mehr sehen, und ich liebte sie doch sosehr und dass mir so etwas passiert ..... Tochter meint philosophisch man könnte ja auch das positiv beeinflussen. Mutti nervt, was soll dieser Eso-Kram und überhaupt. Sie lässt sich jedoch überreden, das Unglück dem Travel Desk Manager zu melden - Manager, weil jeder Bürogummi ein Manager ist. Der startet ein paar Anrufe und am Schluss wird Mutti mit einem Lost-and-Found Manager (siehe Bürogummi) verbunden. "Ja, ihre Kamera wurde gefunden und ja sie können sie in Delhi abholen kommen" -"Aber ich bin in Lucknow und komme nicht mehr nach Delhi" -"Dann werde ich ihre Kamera nach Lucknow schicken lassen, morgen, auf unserem nächsten Flug. Sie können sie am Flughafen abholen" und so geschieht es dann auch. Indien.
30.7. Kolkata
Wir lieben Kolkata! Oder noch besser wir lieben Kolkatas Polizisten: wie sie in blitzweisser Uniform entweder lässig auf einen Regenschirm drapiert oder unter demselben den Verkehr dirigieren - das ist einfach ein Spektakel für sich!
Kolkata ist genau die Mischung von englischer Grandezza und Dritt-Welt-Metropole, die ich mir im geheimen erhofft habe. Auch Anne-Sophie
fand es echt klasse. Uebrigens ist Kolkata auch die kulturell aktivste und modernste Stadt. Man muss einfach wiederkommen.
Wir sind nämlich auf dem Absprung; in wenigen Stunden geht es auf den Flug nach London, wo wir in Stratford schön brav unseren ollen Shakespeare durcharbeiten werden. Ich geb's zu: ich fühle mich nicht gerade optimal vorbereitet, immerhin ist es ein Kurs der Universität Basel, auch gesponsert vom geduldigen Steuerzahler......
Das nächste Mal also von England, bevor wir kurz in die Schweiz einfliegen...
Anne-Sophie hat mich von oben geknipst:
Ich geniesse die Aussicht
Im Flugzeug: Menu in den indischen Nationalfarben!
Kinokasse nach Geschlechter
Wir sind nur in der dritten und letzten Woche unserer Indienfahrt, d.h. jetzt werden meine Programmpunkte abgearbeitet. Ich wollte unbedingt nach Lucknow kommen, das vor fast genau 150 Jahren Schauspiel einer grausamen Belagerung war. Die bengalische Armee hatte sich gegen die Engländer erhoben, der damalige englische Resident befahl, den Verwaltungssitz – eben die "Residency" - zu befestigen und nahm alle anwesenden Engländer auf. Die Belagerung dauerte fast ein halbes Jahr, dann wurden die Überlebenden befreit und nach Kalkutta geführt. Die Residenz wurde nie mehr aufgebaut und noch heute kann das ganze Areal, wo diese Katastrophe passierte, besichtigen. Dies wollte ich mir und meiner Tochter vor Augen führen.
Die Ruinen der Lucknow Residency
Das Bild habe ich Ende 2009 gekknipst
In Lucknow war meine Kamera zwischenzeitlich in Delhi spazieren.