Warten
Warten
Am spannendsten sind eigentlich immer die Zeiten, wo ich für einen Moment „heimatlos“ bin. Aus dem Hotel musste ich auschecken und mein Zug fährt spätabends. In Bhubneswar entschied ich mich für einen Kinobesuch, und mithilfe des Rikschafahrers jagte ich in irgendein Kino, wo es noch Karten zu kaufen gab. Andere Kinos waren nämlich bereits ausverkauft. Das Ticket muss ich überteuert auf dem „Schwarzmarkt“ kaufen, da hat sich eine Frau einen kleinen Geschäftszweig aufgebaut. Ist auch mal lustig. Ich hatte keine Ahnung was gespielt würde, aber die Frau sagte mir, es sei ein Kinderfilm. Na gut, denke ich, das wird doch auch hübsch, da komm ich wenigstens draus. Tatsächlich war es ein ganz bezaubernder Film über einen Knaben mit einer Lese-Schreibschwäche, offensichtlich ein Problem, das in Indien noch fast unbekannt ist. Ich war zu Tränen gerührt und in der Zwischenzeit ist der Film in ganz Indien ein Riesenhit geworden und hat bereits schulpolitische Auswirkungen.
Ein anderes Mal vertreibe ich mir die Zeit bis zum Abend im „Institut Français Pondicherry“, in der ehrwürdigen Bibliothek in einem prächtigen Kolonialhaus. Zuerst wollte mich irgendeine Wache wieder hinauskomplimentieren, es sei jetzt Mittagszeit. Die Siesta ist hier in Pondy nämlich heilig. Ich mach mich einfach an einem Tisch breit. Mit Computer bewaffnet sehe ich furchtbar studiert und fleissig aus. Es muss ja niemand wissen, dass ich mir nur irgendeine DVD-Konserve angucke. Tatsächlich verschwinden die zwei anderen Bibliotheksnutzer nach einer Weile, aber mich lässt man in Frieden. Die Türen bleiben weit offen, und eine kleine Meerbrise bringt etwas Abkühlung. Etwa nach einer halben Stunde kommt ein kleiner Inder und setzt sich ans Nachbarpult. Wir nicken uns kurz zu und dann legt er seinen Kopf zum Schlafen auf den Tisch.
Indische Bahnhöfe sind ja eigentlich eine Mikrokosmos für sich, aber bis jetzt musste ich kaum warten. Der hiesige Eisenbahndirektor wird wie ein Held verehrt: Er hat es kürzester Zeit geschafft, dass die Bahn nicht nur profitabel wurde, sondern die Züge auch fast pünktlich. Verglichen mit den Fahrten 2006 - wo wir manchmal bis zu sieben Stunden verspätet waren - ist das Zugfahren geradezu langweilig effizient geworden. Die Züge sind voll und man hat mir sogar erzählt, dass die Tickets verbilligt worden seien. Die Inneneinrichtung ist zwar spartanisch, aber in der Zwischenzeit haben die Fernzüge in jedem Abteil Steckdosen für Handy und Computer. Man kann auch online buchen und sich ein e-Ticket ausdrucken lassen. Ein Ticket, das ich ungenutzt zurückgeben wollte, hat man mir innert Minuten ohne Bearbeitungsgebühr zurückerstattet. Man kann sich kaum vorstellen, welche Kraftakte hier geleistet wurden. Die indische Zuggesellschaft ist die grösste der Welt: der werte Herr Direktor ist Chef von 1,3 Millionen Bahnangestellten.